October 12, 2011

Ein Interview mit Martin Jander, tagesschau.de

tagesschau.de: Der niedersächsische Innenminister, Uwe Schünemann, hat aber die aktuellen Brandanschläge auf die Bahn mit dem Terrorismus der Siebzigerjahre verglichen. Sind solche Vergleiche überhaupt sinnvoll?

Jander: Wenn Sie mich fragen: Das ist ein öffentliches Schüren von Hysterie für das es keinen fundierten Ansatz gibt. Das sollte man besser lassen.

tagesschau.de: Trotzdem führen Politiker und Polizisten nun eine Debatte über einen “neuen Linksterrorismus”.

Jander: Das halte ich ehrlich gesagt für vorgeschoben. Seit die schwarz-gelbe Koalition regiert, gilt die Parole “rechts = links”. Das halte ich zum einen für vollkommen falsch, zum anderen für gefährlich. Wenn nun Politiker eine Linksterrorismusdebatte führen, dann setzen sie damit die linke Gewaltbereitschaft einmal mehr auf eine Stufe mit der rechten. Und das bedeutet auch, dass bestimmte Politiker hier gegenüber dem Rechtsterrorismus beide Augen sehr fest zudrücken, indem sie ihn relativieren.

tagesschau.de: Inwiefern?

Jander: Zwischen links und rechts gibt es einen wesentlichen Unterschied: Seit dem 3. Oktober 1990 hat es rund 150 Todesopfer von rechtsradikal motivierten Straftaten gegeben. Sie wurden totgeprügelt, verbrannt, und anderes. Auf der linken Seite gibt es Auseinandersetzungen mit Polizisten, es gibt in Berlin diese Truppe, die Autos anzündet. Aber Todesopfer durch linke Gewalt gab es in den vergangenen 20 Jahren meines Wissens nach nicht.

tagesschau.de: Bei den aktuellen Anschlägen in Berlin hätten Menschen zu Schaden kommen können.

Jander: Die Anschläge in Berlin sind natürlich gefährlich, das will ich überhaupt nicht verharmlosen. Dennoch sehe ich grundsätzlich keinen linken Terrorismus, der Attacken auf Menschenleben freigegeben hätte. Es gibt Auseinandersetzungen mit Polizisten, die brennenden Autos in Berlin wurden auch gewaltbereiten Linken zugeschrieben. Die Gewaltbereitschaft der Rechten hat aber eine andere Qualität.

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